7.1.2026
Positionspapiere

Reformbedarf im Erstattungssystem

Das Erstattungssystem für Arzneimittel mit dem Erstattungskodex befindet sich an einem kritischen Tiefpunkt. Die aktuelle Preisstruktur hat ein Niveau erreicht, das die wirtschaftliche Verfügbarkeit vieler Generika ernsthaft gefährdet. Selbst die Aufnahme neuer Produkte in den Erstattungskodex ist erheblich erschwert.

Steigende Energie-, Produktions- und Logistikkosten treffen auf eine ausschließlich auf den niedrigsten Preis fokussierte Erstattungslogik. Die Generikaindustrie braucht Rechtssicherheit und Planbarkeit. Unvorhersehbare Preisabschlagsforderungen gefährden die Arzneimittelversorgung. Um die zukünftige Arzneimittelversorgung sicherzustellen hat der OeGV einen 5-Punkte-Plan erarbeitet:

Punkt 1: Aufnahme von Generika in den Erstattungskodex

  • grundsätzliche Aufnahme in den Grünen Bereich ausschließlich zu den gesetzlich vorgesehenen Preisabschlägen
  • keine zusätzlichen Preisabschläge für die Aufnahme in den Grünen Bereich, auch wenn das Referenzprodukt im Gelben Bereich des Erstattungskodex gelistet ist

Punkt 2: Inflationssicherung

  • Wirtschaftlich notwendige Preiserhöhungen im Erstattungskodex sind limitiert, aufwendig und teuer.
  • Der OeGV fordert ein vereinfachtes arithmetisches Verfahren zur jährlichen Inflationsanpassung für Medikamente. Stetig steigende Kosten müssen kompensiert werden können. Nur so kann die Grundversorgung gesichert werden.

Punkt 3: Wirtschaftliche Absicherung der Produkte unter der Rezeptgebühr

  • Die Hälfte aller abgegebenen erstatteten Medikamente ist preislich durch die Rezeptgebühr vollständig abgedeckt.
  • Gerade im Niedrigstpreissegment ist die Versorgung mit Arzneimittel durch die Verfahrensordnung gefährdet.
  • Der OeGV fordert eine marktwirtschaftlich gerechtfertigte Preisbildung für Arzneimittel unter der Rezeptgebühr.

Punkt 4: Umsetzung der „Roche-Bolar-Ausnahmeregelung“ auch in Österreich

  • Der OeGV fordert die Antragstellung für die Aufnahme in den Erstattungskodex bereits vor Ablauf der Schutzrechte zu ermöglichen (Umsetzung Bolar-Ausnahmereglung).
  • Verkürzung des EKO-Aufnahmeverfahrens durch Beendigung von behördlichen Doppelprüfungen

Punkt 5: Planbarkeit sichern

  • Entfristung der derzeit noch befristeten Bestimmungen im ASVG zur Generika- und Biosimilarpreisregel sowie des Preisbands.
  • Aufhebung der Möglichkeit, Generika jederzeit „aus ökonomischen Gründen“ aus der Erstattung zu streichen
  • Ermöglichung der Aufnahme in den Erstattungskodex auch dann, wenn im Antrag nicht alle am Markt verfügbaren Dosisstärken oder Darreichungsformen umfasst sind
  • Wegfall der verpflichtenden Kleinpackung im Sinne der Nachhaltigkeit und Vereinfachung für Patientinnen und Patienten, Sozialversicherung sowie Hersteller

Schon gewusst?

Der Durchschnittspreis für eine Generikapackung beträgt 6,28 Euro. Der Realwert ist deutlich gesunken: Eine Packung, die 1996 noch 10 Euro gekostet hat, kostete 2025 nur mehr 6,28 Euro, müsste aber inflationsbedingt 18,6 Euro kosten. Weitere Fakten:

  • Die Top 2 Produkte im Erstattungsmarkt haben einen durchschnittlichen FAP von über 4.900 Euro.
  • Eine Monatstherapie Pantoprazol (Magenschutz) wird 3,8 Millionen mal pro Jahr verordnet und kostet im Schnitt 2,48 Euro Kassenverkaufspreis.
  • Eine Monatstherapie Amlodipin (Blutdrucksenker) wird 2,9 Millionen mal pro Jahr verordnet und kostet im Schnitt 2,18 Euro Kassenverkaufspreis.

Metformin ist das am häufigsten eingesetzte Diabetesmedikament weltweit. Eine Monatspackung Metformin 1000 mg/60 hat einen durchschnittlichen Fabrikabgabepreis (FAP) von 1,63 Euro. Aus diesem Betrag müssen sämtliche Kosten entlang der gesamten Wertschöpfungs‑ und Versorgungskette gedeckt werden, darunter:

  • Produktion der Tabletten: Wirkstoff, Hilfsstoffe, Qualitätskontrollen
  • Primär- und Sekundärverpackung
  • Gebrauchsinformation: Erstellung, Druck und Beilage
  • Serialisierung und Meldung in den EU-Hub gemäß Fälschungsschutzrichtlinie
  • Manipulationsschutz (Tamper Evidence)
  • Temperaturgeführter Transport entlang der Lieferkette
  • Temperaturkontrollierte Lagerhaltung
  • Pharmakovigilanz-Systeme, inklusive laufender Literaturrecherche sowie Fallbewertung und Meldungen
  • Regulatorische Gebühren (z.B. BASG-Jahresgebühren, Änderungs- und Meldegebühren)
  • Lohn- und Personalkosten
  • Instandhaltung von Gebäuden und Infrastruktur, einschließlich Energie- und Betriebskosten

Dieses Beispiel verdeutlicht, wie eng die wirtschaftlichen Spielräume im versorgungsrelevanten Generikasegment sind – und warum angemessene, versorgungsorientierte Preisbildungsregeln eine zentrale Voraussetzung für eine nachhaltige und sichere Arzneimittelversorgung darstellen. Während die Rezeptgebühr seit 2006 um 64 % gestiegen ist, sind die Herstellerpreise für Metformin um 63 % gefallen.